Man könnte glauben, dass Kreativität viel mit Motivation zu tun hat. Genau diese Frage hatte mir die Leiterin einer Werbeagentur im Rahmen einer unserer Ausbildungen gestellt. Als neugieriger Mensch bin ich der Frage zusammen mit KollegInnen nachgegangen. Was dabei herauskam, hat mich überrascht. Vielleicht wird es Sie ebenfalls überraschen.

Als Experten für intrinsische Motivation suchten wir zunächst wir nach Motivausprägungen, die Kreativität begünstigen. Wir wissen, dass sich die komplette menschliche Motivation über nur 18 Grundmotive mit je 2 Polen beschreiben lässt, also mit deutlich weniger, als es Kompetenzen gibt. Welche dieser Grundmotive fördern womöglich Kreativität?

Sind kreative Menschen besonders motiviert?

Es schien uns zunächst naheliegend, dass Neugierde, also ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Wissen, eine Quelle für Kreativität sein kann. Oder ein starkes Freiheitsbedürfnis. Oder die Spontanität und Flexibilität, die in einem schwach ausgeprägten Ordnungsmotiv liegt. Das alles sind Motivpole, zu denen es jeweils ein Komplement gibt, wie etwa die zur Freiheit komplementäre Verbundenheit.

In unseren Diskussionen gab es aber auch gegensätzliche Meinungen. So ließ sich etwa nicht von der Hand weisen, dass pragmatische Menschen, also Menschen mit einem geringen Bedürfnis nach Wissen, durchaus auch kreative praktische Lösungen finden können. Ebenso können Personen mit starker Verbundenheit, also mit schwach ausgeprägtem Freiheitsbedürfnis, im Team eine Menge Kreativität entfalten.

Über kleine und große Kreativität

Das kreative Ausleben eines Pols nennen wir die „kleine Kreativität“. Im großen Stil kreative Menschen schöpfen diese Fähigkeit jedoch aus den komplementären Qualitäten beider Pole ihrer Motivausprägungen. Das erläutert eindrucksvoll ein Artikel des Flow-Forschers Mihály Csikszentmihályi:

Danach haben kreative Menschen eine entwickelte, d. h. komplexe Persönlichkeit: Sie vereinigen widersprüchliche Extreme in sich. Ein „groß-kreativer“ Mensch kann sowohl aggressiv als auch kooperativ sein, sowohl ordentlich als auch spontan, sowohl unterwürfig als auch dominant: Er hat einen guten Zugang auch zu seinen Schattenseiten, kennt beide Extreme und erlebt sie mit derselben Intensität und ohne Konflikte, vgl. Kasten. Dort finden Sie 10 scheinbar widersprüchliche Merkmalspaare, die nach Csikszentmihályis Forschungen die vielleicht aufschlussreichsten Eigenschaften von im großen Sinne kreativen Menschen beschreiben.

Csiks Fazit: „Ohne den zweiten Pol werden neue Ideen nicht akzeptiert. Und ohne den ersten werden sie nicht bis zu einem akzeptablen Punkt entwickelt.“ Im großen Sinne kreative Menschen können auf beiden Polen operieren.

Die vielleicht wichtigste Eigenschaft, die kreativen Prozessen zu eigen ist, ist die Fähigkeit, den Schaffensprozess um seiner selbst willen zu genießen.

Merkmalspaare kreativer Menschen

  1. Sie verfügen über eine Menge physischer Energie, aber sie sind häufig auch ruhig und entspannt.
  2. Sie sind häufig weltklug und naiv zugleich.
  3. Sie sind diszipliniert UND spielerisch zugleich, verantwortungsvoll UND ungebunden.
  4. Sie wechseln zwischen Imagination / Fantasie und bodenständigem Realitätssinn.
  5. Sie vereinen offenbar gegenläufige Tendenzen auf dem Spektrum zwischen Extraversion und Introversion.
  6. Sie können sowohl als demütig als auch als stolz erlebt werden.
  7. Sie sind „psychologisch androgyn“, d. h. sie können aggressiv UND fürsorglich sein, sensibel UND hart, dominierend UND nachgiebig, u. zw. unabhängig von ihrem Geschlecht.
  8. Sie sind rebellisch und unabhängig, und sind gleichzeitig konservativ, einer Tradition verbunden.
  9. Sie bringen viel Leidenschaft für ihre Arbeit auf und können ihr doch mit ausgesprochener Objektivität begegnen.
  10. Sie sind durch ihre Offenheit und Sensibilität häufig Leid und Schmerz ausgesetzt, aber auch intensiver Freude.

Daher streben z. B. Dichter nach Vollkom-menheit und schreiben keine Werbe-slogans, betreiben Physiker Grundlagen-forschung, statt in die Forschungslabors der Industrie abzuwandern. Die Freude ist ein elementarer Bestandteil der Kreativität. Ein anschauliches Beispiel ist die Freude von Musikern beim Improvisieren in Jazz-Formationen. Freude ist auch in zahlreichen anderen Aktivitäten im Leben kreativer Menschen erkennbar. Was Sie daraus für sich schlussfolgern können?

  1. Erobern Sie sich den „zweiten Pol“: Fördern Sie Ihre wenig entwickelten Seiten (Schattenseiten).
  2. Wechseln Sie zwischen Offenheit (Empfänglichkeit) und Disziplin (Fokussiertheit).
  3. Streben Sie nach (psychischer) Komplexität: Entwickeln Sie Ihre Persönlichkeit, entfalten Sie Ihr Potenzial.
Kreativität 2

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Über den Autor

Michael Schwartz leitet das Institut für integrale Lebens-und Arbeitspraxis (ilea) in Esslingen. Der Diplom-Physiker arbeitete vor seiner Beratertätigkeit zwei Jahrzehnte als Führungskraft und Projektmanager in der Software-Industrie. Weitere Informationen über Michael Schwartz